Da mich die meisten Recherchen im Internet zum Thema "Steißbeinfistel" in albtraumhafte Empfindungszustände gesetzt haben, möchte ich euch meine Erfahrungen mal schildern - und vielleicht den einen oder anderen Leser aufmuntern.
Ich bin eine 32 Jahre junge Berlinerin.
Bei mir fing alles mit einem Druckschmerz in der Steißbeingegend an. Dieser Schmerz ließ einfach nicht nach, so dass ich zum Orthopäden ging, da ich dachte, dass ich mir das Steißbein geprellt habe. Der Orthopäde überwies mich direkt zum Chirurgen, der dann die Diagnose "Steißbeinfistel" stellte. Posttraumatischer Art (bin beim Handballspielen vor zwei Jahren auf den Po gefallen und hatte mir da das Steißbein geprellt). Eine OP sei unumgänglich. Ich sah das zunächst anders, erbat mir Bedenkzeit, ging heim, recherchierte im Netz und entschied daraufhin, tapfer zu sein und alle Qualen zu ertragen (die Schmerzen waren abartig!!). So eine OP mit offener Wunde??? Neee, auf gar keinen Fall. Hatten mich doch all die Berichte im Internet echt geschockt und sämtliche Bilder echte Würgreize verursacht. Da ich am nächsten Tag kaum noch sitzen konnte und mir bei fast jeder Bewegung die Tränen in die Augen schossen, entschied ich mich dann doch, das Ding durchzuziehen. Die OP fand dann 3 Tage später statt. Sie wurde ambulant durchgeführt und verlief super. Ich war nach drei Stunden wieder topfit und konnte problemlos laufen. Leider fing daheim eine Arterie in der Wunde an, heftig zu bluten, so dass ich mich ins Krankenhaus bringen ließ. Dort hat man die Blutung gestillt (mittels Arterienumstechung) und mich vorsichtshalber noch drei Tage dabehalten (Einzelzimmer, gutes Essen, nettes Personal, Fernseher - ein Hauch von Robinson Club
Die Wundversorgung wurde im Krankenhaus einmal pro Tag durchgeführt. Die Wunde wurde mit Kochsalzlösung ausgespült, danach wurde ein Antibiotika-Schwämmchen hineingelegt und alles wieder hübsch verpackt.
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus durfte ich jeden Tag zu meinem Chirurgen in die Praxis kommen, wo man sich rührend um mich gekümmert hat. Für's Wochenende habe ich eine Überweisung für die Rettungsstelle des Krankenhauses bekommen, wo die Wundversorgung dann durchgeführt wurde. Ich hatte kurzzeitig Schmerzen, die von dem Fädchen (von der Blutungsstillung nach der OP) ausgingen. Das wurde mir aber rausgezogen und dann war's auch wieder vorbei mit dem Schmerz.
Zehn Tage nach der OP überkam mich dann doch der dringliche Wunsch, den "Willi" (ich habe den Krater auf diesen Namen getauft) mal näher zu betrachten. Ich habe meine Mama als Beistand neben mich vor den Spiegel gestellt. Und als ich dann das Pflaster abzog und sich "Willi" in ganzem Ausmaß präsentierte, fing ich an zu heulen: vor Erleichterung. Denn ich hatte mir das alles viel schlimmer ausgemalt. Seither habe ich mir dann auch getraut, ihn einmal am Tag auszuduschen (mit lauwarmem Wasser - ohne Schnickschnack, Wunderlösungen, Heilsalben etc). Danach gings immer ab zum Arzt und Verbandswechsel. Drei Wochen nach der OP habe ich dann auch den Verbandswechsel selbst hinbekommen. Anfangs war dies echt unangenehm. Was aber nichts mit der Wunde an sich zu tun hatte, sondern mit den kamasutraähnlichen Bewegungen, die nötig waren, um die Kompressen und Pflaster so zu platzieren, dass die Wunde möglicherweise auch bedeckt ist. Aber auch das wurde von Tag zu Tag besser - fast Routine
Mittlerweile ist die OP 6 Wochen her. "Willi" verschwindet langsam (Ausmaße 1,5 cm lang, 1 cm breit, 1 cm tief). Mir geht es bestens. Ich gehe einmal die Woche zum "Willi-Check" zum Chirurgen. Verbandswechsel dauert noch genau zwei Minuten. Ich fahre schon wieder Fahrrad und gehe viel und gern aus.
In zwei Wochen darf ich wieder so richtig Sport machen.
Zusammenfassung: es war alles lange nicht so schlimm, wie in vielen Internet-Foren beschrieben. Ich habe mich immer gefragt, warum denn keine motivierenden Beiträge zu lesen sind. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die absolute Mehrheit nach der OP Wohlbefinden verspürt und etwas anderes zu tun hat, als in diesen schrecklichen Foren abzuhängen und andere Menschen zu verunsichern. Das Schlimmste an meiner Steißbeinfistel waren der Schmerz vor der Operation und die Angst, die in mir durch das Recherchieren im Internet geschürt wurde. Weil ich selbst sehr empfänglich für so'ne Panikmache bin und weiß, wie hysterisch man auf all die Berichte reagieren kann, dachte ich mir, ich schreib mal meine Erfahrungen hier nieder. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen Leser.
Während ich vor der OP bereits Angst vor einem Rezidiv hatte, sage ich mir jetzt: soll das Ding doch wiederkommen! Dann lass ich's eben wieder rausschnippeln. Und nu?!
Lasst euch nicht verunsichern und macht euch nicht fertig! Es ist alles halb so wild.
Vielleicht von mir noch ein kleiner Tipp zur Wundversorgung: duscht die Wunde einmal pro Tag mit lauwarmem Wasser aus. Hinterher schön trocknen lassen. Wenn's bei mir mal wieder schnell gehen musste, habe ich den "Willi" geföhnt. Legt immer ein Stück Mullkompresse in die Wunde hinein, das verhindert, dass die Wundränder zusammenwachsen, bevor die Wunde an sich zugeheilt ist. Außerdem wird das Wundsekret auch besser in die auf der Wunde liegenden Kompressen geleitet und geht nicht unten aus dem Verband raus und in die Klamotten hinein.
Auf die Wunde am besten eine Mullkompresse und eine Saugkompresse (10x10cm) legen, dann mit Fixomull-Pflaster (10x15 cm; unten mittig 2cm nach oben einschneiden und auf linker und rechter Pobacke festkleben) fixieren. So ist man schön beweglich
Und ich habe mir Enzyme besorgt. Die fördern die Wundheilung!!
So, ich muss jetzt raus hier!!
Liebe Grüße an euch alle
